Was rollt denn da?

Die ersten Straßenbahnen

In diesem Jahr feiern wir 130 Jahre BOGESTRA und anlässlich unseres Jubiläumsjahres wollen wir euch in den nächsten zwölf Monaten ein paar mehr historische Einblicke als gewohnt liefern. Freut euch auf Schlaglichter aus 130 Jahren BOGESTRA, die wir zusammen mit unseren Gastautor*innen für euch aufbereiten. Der erste und der zweite Beitrag haben die Anfänge der BOGESTRA in den Blick genommen. Dieses Mal entdecken wir mit VhAG-Mitglied und Autor Ludwig, was für Straßenbahnwagen in den frühen Tagen unterwegs waren.

Ein Logo mit dem Schriftzug "Wir feiern 130 Jahre BOGESTRA" in Rot- und Blautönen.

Gepolsterte Filzmäntel als Winterschutz

Bis zum Zweiten Weltkrieg fuhren auf dem Netz der BOGESTRA zweiachsige Straßenbahnwagen. Die ersten ab 1894 von Siemens & Halske für das Bochumer und Gelsenkirchener Straßenbahnnetz beschafften Fahrzeuge (Triebwagen 1 bis 57 und 60 bis75) hatten noch offene Plattformen. Bei Wind und Wetter mussten die Fahrer auf diesen ausharren. Im Winter trugen sie deshalb dick gepolsterte Filzmäntel. Die Fahrgäste nahmen auf den Längsbänken im witterungsgeschützten Innenraum Platz. Die 72 Triebwagen und die 41 baugleichen Anhängewagen der Erstausstattung verfügten über je 18 Sitz- und 12 Stehplätze. 1901 kamen die ersten Straßenbahnwagen mit geschlossenen Plattformen. Nach den Prototypen 58 und 59 wurden drei Serien von der Firma Düsseldorfer Eisenbahnbedarf vormals Carl Weyer & Cie. Waggonfabrik Weyer in Düsseldorf gebaut (Triebwagen 76 bis 102, 120 bis 150 sowie 151 bis 163). Die Innenausstattung war bei diesen Wagen deutlich gediegener als bei den Fahrzeugen der Erstausstattung: Für die Seitenverkleidungen und die Sitzbänke wurde hochwertiges Mahagoniholz verwendet. Die Beschläge wurden aus Messing gefertigt, und auch die Fenster im Fahrgastraum waren deutlich größer als bei den Vorgängern. Zu den Triebwagen gab es 30 passende Beiwagen.

Komfort und technischer Fortschritt

In den folgenden Jahren machte die Fahrzeugtechnik rasante Fortschritte. 1912 fuhren in unserem Netz die ersten Wagen, in denen die Sitze im Abteilform angeordnet waren – so wie wir es bis heute kennen. Die Motore brachten mehr Leistung, die Fahrwerke wurden stabiler, die Aufbauten kantiger. Da zeitgleich mit der Beschaffung neuer Fahrzeuge auch in den Ausbau der Gleisanlagen und die Straßen investiert wurde, stieg bei Fahrten mit der Straßenbahn auch der Komfort der Fahrgäste. Gebaut wurden die Standardwagen der 1920er-Jahre von der Uerdinger Waggonfabrik, der Dortmunder Union und der Mainzer Waggonfabrik Gastell. Deshalb sprachen die Straßenbahner von «Uerdingern», «Unionwagen» oder «Gastell»-Wagen (Triebwagen 170 bis 267 und 497 bis 530). Wie bei den Vorgängerserien lieferten die genannten Waggonfabriken insgesamt 78 zu den Standardwagen passende Beiwagen. Nach ihrer Auslieferung konnten die ersten Altfahrzeuge auf das Abstellgleis rollen. 1927 und 1928 wurden noch einmal zehn Trieb- und 30 Beiwagen von der Waggonfabrik Gastell geliefert. Ihre Wagenkästen waren mit den zum Wagenende verjüngten Plattformen noch einmal moderner als die der zuvor gelieferten Fahrzeuge (Triebwagen 531 bis 546).

Credé besonders lackiert

Auf die Gastell-Wagen folgten 1942 nochmals zehn Triebwagen. Lieferant war jetzt die Waggonfabrik Credé in Hannover. Ihr ahnt es schon: Auch hier übernahmen die Straßenbahner als Bezeichnung den Namen des Herstellers. Die trotz des Krieges hochwertig ausgestatteten Wagen waren erneut leistungsfähiger als ihre Vorgänger. Deshalb wurden die sieben Fahrzeuge, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überlebten, ab dem 1. Juli 1950 als Schnelltriebwagen zwischen dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof und dem Bochumer Rathaus eingesetzt. Der Triebwagen 555 erhielt dafür sogar eine besondere, den ersten Omnibussen entsprechende Lackierung in Beige und Dunkelgrün. Ein großer Teil des Wagenparks wurde 1944 bei schweren Luftangriffen auf die Betriebshöfe zerstört. Die Werkstätten der BOGESTRA versuchten zu retten, was zu retten war. Die noch verwendbaren Trieb- und Beiwagen wurden instandgesetzt, zum Teil mit einfachsten Mitteln. Teilweise half eine gebraucht erworbene Dampflokomotive und ein aus den Niederlanden beschaffter Gütertriebwagen im Personenverkehr aus.

Vielen Dank, Ludwig, für den Einblick in den frühen Wagenpark der BOGESTRA. Wir freuen uns, dass Du uns auf dem Blog in ein paar Wochen noch einmal zu den Wagen von anno dazumal mitnehmen wirst.

Unser Gastautor Ludwig Schönefeld hat schon 1989 eine Chronik des BOGESTRA-Wagenparks veröffentlicht (nur noch antiquarisch zu haben). Zuletzt hat er Bücher über die Straßenbahn in Witten, Bochum und Gelsenkirchen publiziert. Seine aktuellen Forschungen beschäftigen sich mit der Verkehrs- und Regionalgeschichte von Castrop-Rauxel und Herne.

Fotos: BOGESTRA-Fotosammlung bzw. Sammlung Ludwig Schönefeld

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Foto Werkstatthalle BOGESTRA-Straßenbahnbetrieb Engelsburg

Rund 2400 Menschen sorgen bei der BOGESTRA an 365 Tagen im Jahr für Mobilität im Herzen des Ruhrgebiets. Mit ca. 400 Fahrzeugen sind wir städteübergreifend unterwegs. Von früh am Morgen bis spät in die Nacht bieten wir attraktive Verbindungen für unsere Fahrgäste und sorgen für den Pulsschlag der Region.

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März 24, 2026

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