Unser 2105
Wenn Kay, Marvin und ihre Kolleg*innen unseres Fahrleitungsteams eine Alarmierung von der Leitstelle bekommen, wissen sie in so manchem Fall nicht, was genau auf sie zukommt. Wenn sie bei einem Schadensfall rausfahren, ist es gut, dass sie sich nicht nur aufeinander, sondern auch auf ihr Sonderfahrzeug „2105“ verlassen können.
Das Sonderfahrzeug 2105 ist unser Hubarbeitswagen, mit dem das Fahrleitungsteam bei Reparaturen im Einsatz ist, Wartungen vornimmt oder unsere Anlagen überprüft. Auf den ersten Blick könnte er als stinknormaler Lkw mit einer etwas anderen Ladefläche durchgehen. Was unser 2105 hinter der Fahrerkabine hat, ist aber mehr als das. Passend für die Bedürfnisse der Fahrleitungskolleg*innen wurde ein Fahrzeug gebaut, das aus mehreren Baugruppen besteht, die alle optimal zusammenwirken müssen. Außer dem Trägerfahrzeug vom Hersteller MAN wurden auch ein Drehturm, ein Mastsystem, der Arbeitskorb und mehrere Abstützeinrichtungen für den Hubarbeitswagen zusammengebracht.
Auf zwei Wegen und zwei Spuren
Weil 2105 damit noch nicht alles kann, was wir brauchen, ist das Fahrzeug mit diesen Baugruppen noch nicht komplett. Denn unsere Fahrleitung verläuft bekanntermaßen nicht nur über asphaltierten Straßen mit sogenannten Rillenschienen, nein, wir haben auch Gleisbereiche, in denen Vignolschienen im Schotterbett liegen – ähnlich wie bei der Eisenbahn. Und auch in unseren Tunnelanlagen haben wir selbstverständlich Fahrleitungen, an denen Kay, Marvin und ihre Kolleg*innen gelegentlich arbeiten müssen.
Um auch mit diesen Arbeitsstellen klar zu kommen, ist 2105 als Zweiwegefahrzeug konstruiert worden. Der Wagen kann also auf seinen Lkw-Reifen über die Straßen rollen, er hat aber auch eine besondere Konstruktion unter dem Wagen, mit der vier Stahlradreifen ausgeklappt werden können, mit denen er sich auf unseren Gleisen bewegen kann. Auch hier gibt es wieder eine Besonderheit: Während unsere Straßenbahnen in Bochum, Gelsenkirchen, Hattingen, Wanne-Eickel und Witten auf Meterspurgleisen unterwegs sind, fährt unsere U35 CampusLinie auf der breiteren Regelspur. Damit 2105 in beiden Bereichen eingesetzt werden kann, muss sein Schienenfahrwerk auf beide Spurweiten einstellbar sein.
Kurzer Exkurs für alle, die Spurweiten nur von der Autobahn kennen. Bei der sogenannten Meterspur liegen die Schienen genau einen Meter weit auseinander. Die Regelspur ist etwas breiter: Hier sind die Schienen genau 1,435 Meter voneinander entfernt. Das ist der Grund, weshalb ihr niemals ein U35-Fahrzeug auf der Linie 302 sehen werdet.
Schulungen, Unterweisungen, Lehrgänge
Dass 2105 so universell einsetzbar ist, freut auch Kay und Marvin, die uns den Wagen netterweise aus nächster Nähe anschauen lassen als sie gerade von einem Einsatz zurückkommen. Marvin ist seit 2023 Fahrleitungsmonteur bei uns, Kay kam nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in Ückendorf im letzten Jahr ins Fahrleitungsteam. Neben der tagtäglichen Arbeit gibt es seitdem Schulungen, Unterweisungen und Lehrgänge, um Stück für Stück bei allen Tätigkeiten zum Zug zu kommen.
Wenn sich Kay oben vom Arbeitskorb aus, um die Fahrleitung kümmert, ist schnell klar: Die neue Tätigkeit passt für ihn.
Ich mag es handwerklich zu arbeiten. Das kann ich hier. Und es ist schon ein gutes Gefühl an eine Straße langzufahren und zu wissen: Die Fahrleitungsanlage hier, die habe ich mitaufgebaut.
„Straßenbahn“ mit Arbeitskorb
Wieder auf dem Erdboden unterstützt er Marvin beim Eingleisen von 2105. Marvin erläutert: „Wenn wir den Wagen auf die Schiene bringen, haben wir Kamerabilder, die uns beim Eingleisen helfen, aber am besten läuft es immer noch mit der Einweisung durch Kolleg*innen und der Erfahrung, die man inzwischen besitzt.“ Dazu kommt dann noch der „Straße-Schiene-Schein“. Damit wird eine spezielle Ausbildung nachgewiesen, die unsere Fahrschule für diejenigen macht, die mit 2105 arbeiten. Bewegen lässt sich der Wagen übrigens im Schienenmodus auch wenn unsere Fahrleitungsmonteure oben im Arbeitskorb sind. „Das hilft uns sehr bei der Arbeit“, erklärt Marvin: „Wenn wir sehen, dass wir ein paar Meter vor- oder zurückfahren müssen, machen wir das schnell und können direkt an der nächsten Stelle loslegen.“
Hoch und weit
Wie hoch hinaus es mit dem Mastsystem geht, zeigt uns Kay, indem er den Mast neben unserem Salzsilo ausfährt. Während Kay den Korb manövriert, erläutert Marvin:
Unsere höchsten Fahrleitungsmasten sind 10 bis 15 Meter hoch. Da kommen wir mit dem Wagen locker hin und noch darüber hinaus. Dass wir dieses lange Mastsystem haben, kommt uns aber noch mehr zugute, wenn wir von der Seite an Arbeitsstellen ran müssen. Nicht immer können wir direkt heranfahren, sodass wir dann von der Reichweite des Mastsystems profitieren.
Aber wieder zurück zum Bahnfahren mit 2105. Bewegt werden die Radreifen von einem hydrostatischen Antrieb. Damit der Wagen bei seinen Einsätzen im Tunnel nicht den Lkw-Diesel braucht, wurde das Fahrzeug mit Batteriepacks ausgerüstet. Durch diese großen Energiespeicher wird nicht nur der Antrieb des Wagens gewährleistet, auch die Bewegungen von Mast und Arbeitskorb werden dadurch gespeist. „Die Batteriepacks sind so dimensioniert, dass wir einige Zeit unten im Tunnel arbeiten können“, erläutert Kay. Er freut sich schon darauf, nach seiner „Schiene-Straße-Schulung“ auch 2105 über die Gleise zu fahren. Denn einen Lkw mit Radreifen, Sandstreueinrichtung und Dreipunktlicht – wie bei einer richtigen Straßenbahn – steuern zu können, das können nicht viele von sich behaupten.
Fotos: BOGESTRA/Wiciok












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