Frauen am Steuer

Historisches Bild mit Frauen auf einem Wagen hinter einer Straßenbahn.

Die BOGESTRA im ersten Weltkrieg

In diesem Jahr feiern wir 130 Jahre BOGESTRA und anlässlich unseres Jubiläumsjahres wollen wir euch in diesem Jahr ein paar mehr historische Einblicke als gewohnt liefern. Freut euch auf Schlaglichter aus 130 Jahren BOGESTRA, die wir zusammen mit unseren Gastautor*innen für euch aufbereiten. Dieses Mal nimmt euch Autor und VhAG-Mitglied Andreas mit in die Zeit des ersten Weltkrieges.

Ein Logo mit dem Schriftzug "Wir feiern 130 Jahre BOGESTRA" in Rot- und Blautönen.

Der Erste Weltkrieg ordnet die Gesellschaft neu – auch die BOGESTRA

Auf dem Bahnhofsvorplatz in Bochum entsteht 1914 neben der Wendeschleife für die Straßenbahnen ein neues Gebäude, das dem Verkehrsverein und der BOGESTRA als Quartier dient. Auch den Fahrgästen bietet es eine Unterstellmöglichkeit bei schlechtem Wetter. Eröffnet wird es wenige Tage nach dem Kriegsausbruch im Oktober 1914. Jahrzehnte später sollte das Gebäude durch Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstört werden.

Historisches Schwarzweißfoto eines kleinen Verkaufspavillons an einer Straßenbahnstrecke mit Pferdewagen und Passanten.

Verhaltener Start mit neuen Kolleginnen

Mit dem Kriegsausbruch wurden zahlreiche Fahrer und Schaffner zum Kriegsdienst eingezogen. Diese fehlten naturgemäß im täglichen Linienverkehr. Zunächst musste der Fahrplan stark gekürzt werden. Zusätzlich versuchte die BOGESTRA die Personallücken durch Rentner, Neueinstellungen und Schüler zu schließen. Ab März 1915 durften dann auch Frauen den anspruchsvollen Dienst als Schaffnerinnen übernehmen. „Die Uniform macht sich ganz nett“, wusste die Tageszeitung dazu zu berichten.

Die Aufsichtsbehörde traute den Schaffnerinnen zunächst aber nicht so wirklich über den Weg. Ein Beispiel: An schienengleichen Bahnübergängen mussten sich die Schaffner stets davon überzeugen, dass kein Zug herannahte, bevor der Fahrer der Straßenbahn die Gleise der Staatsbahn kreuzen durfte. Da man Frauen als Schaffnerinnen offensichtlich nicht für zuverlässig genug hielt, verlangte die Aufsichtsbehörde, dass an solchen schienengleichen Bahnübergängen Männer postiert werden müssen. „Infolgedessen müssen bedeutend mehr Leute wieder eingestellt werden, so daß der Vorteil der weiblichen Bedienung sehr gering wird“, bemerkt der BOGESTRA Direktor Otto Hubrich in einem Gespräch mit den Oberbürgermeistern von Buer und Gelsenkirchen.

Historisches Bild von zwei Frauen und einem Mann in Dienstkleidung vor einem Straßenbahnwagen im Güterverkehr.

Im November 1916 war das Zutrauen zu den Frauen (und der Mangel an männlichen Arbeitskräften) im Straßenbahndienst dann aber so groß geworden, dass sie schließlich auch Wagenführerinnen werden durften.

Übrigens: Die Straßenbahn wurde ab 1916 auch für den Güterverkehr gebraucht. Da die Staatsbahn mit Militärlieferungen überlastet war, wurden Betriebe im Einzugsbereich mit Rohstofflieferungen versorgt. So wurde z. B. mit BOGESTRA-Bahnen Kohle von Herne nach Weitmar gebracht. Auch hier wurden Frauen eingesetzt.

Euer ÖPNPfau

Inflation und steigende Ticketpreise

Zusätzlich brachte der Krieg noch einige weitere Herausforderungen für die BOGESTRA. Denn nach Kriegsende kam es wegen der galoppierenden Inflation zu Streiks, bei denen es um Gehaltsforderungen, aber auch um die Anerkennung (und Bezahlung) des 1. Mai als Arbeitstag sowie die Entfernung von Nummern an der Dienstkleidung, mit denen man einzelne Mitarbeiter identifizieren konnte, ging.

Die Erhöhung der Gehälter führte zur Erhöhung der Fahrpreise, wodurch letztlich immer weniger Fahrgäste mit der Straßenbahn fuhren. Ein Teufelskreis. Um weitere Ausgaben zu senken, wurde 1922 eine neue Lackierung der BOGESTRA Straßenbahnen eingeführt: Die überwiegend roten Bahnen in aufwendiger Lackierung wichen den gelben Bahnen, deren Farbe man heute noch auf den Museumswagen der VhAG BOGESTRA e.V. sehen kann.

Vom Fahrerstand zurück an den Herd?

Gleichzeitig kehrten nach Kriegsende die Männer „aus dem Felde“ wieder an ihre Arbeitsplätze zurück und die Frauen mussten zurück an den heimischen Herd. Doch schon 1922 erinnert man sich wieder an die Schaffnerinnen – dieses Mal aus wirtschaftlichen Gründen. Denn „weibliches Personal erhält 3/4 vom Lohn des Männlichen.“ Und das ist in wirtschaftlichen Notzeiten ein betriebswirtschaftliches Argument. Nach Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse müssen die Schaffnerinnen allerdings ihren Arbeitsplatz wieder verlassen.

Historisches Bild vom Gelsenkirchener Neumarkt.

Fast genauso ereignete es sich dann noch einmal während des zweiten Weltkrieges: Frauen wurden schon zu Kriegsbeginn als Schaffnerinnen und später auch als Fahrerinnen eingestellt. Sie erfüllten ihren Job – wie schon 20 Jahre zuvor – ebenso zufriedenstellend wie ihre männlichen Kollegen. Trotzdem wurden sie nach Kriegsende nach und nach wieder entlassen, um Arbeitsplätze für die Kriegsheimkehrer zur Verfügung stellen zu können. Erst im April 1970 kommen Frauen wieder an den Fahrhebel der Straßenbahn – und lassen sich von da an aber nicht mehr vertreiben.

Ein Blick in die Gegenwart

Die Farbe unserer historischen Bahnen ist zum Glück nur einer der wenigen Aspekte aus dieser herausfordernden Zeit, die wir heute noch beobachten können. Denn Frauen an Steuer und Fahrhebel gehören heutzutage bei uns zum Alltag wie der Kaffee zum Frühstück. Auch in allen anderen Bereichen sind Kolleginnen ebenso willkommen wie ihre männlichen und diversen Pendants. Und ein Gender Pay Gap? Kennen wir zum Glück auch nicht mehr!

Ist trotzdem immer gut, zu wissen, wo man herkommt. Deswegen: Vielen Dank, Andreas, für diesen Blick in die Vergangenheit. Im nächsten Monat lest ihr hier den zweiten Teil unserer kleinen Fahrzeuggeschichte von Ludwig.

Fotos: BOGESTRA Fotosammlung

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Wir über uns

Foto Werkstatthalle BOGESTRA-Straßenbahnbetrieb Engelsburg

Rund 2400 Menschen sorgen bei der BOGESTRA an 365 Tagen im Jahr für Mobilität im Herzen des Ruhrgebiets. Mit ca. 400 Fahrzeugen sind wir städteübergreifend unterwegs. Von früh am Morgen bis spät in die Nacht bieten wir attraktive Verbindungen für unsere Fahrgäste und sorgen für den Pulsschlag der Region.

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Gast
April 24, 2026

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