Konkurrenz und Wachstum nach der Jahrhundertwende
In diesem Jahr feiern wir 130 Jahre BOGESTRA und anlässlich unseres Jubiläumsjahres wollen wir euch in den nächsten zwölf Monaten ein paar mehr historische Einblicke als gewohnt liefern. Freut euch auf Schlaglichter aus 130 Jahren BOGESTRA, die wir zusammen mit unseren Gastautor*innen für euch aufbereiten. Zuletzt gab es einen Einblick in die Anfänge der BOGESTRA. Weiter geht es mit den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts – übersichtlich aufbereitet von VhAG-Mitglied und Autor Andreas.

November 1905. Das Winterfest der Straßenbahner wird gefeiert. Im festlich dekorierten Saal des Bahnhofshotels in der Kaiserstraße 53, der heutigen Viktoriastraße, treffen sich die Bochumer Straßenbahner zu Musik und Theatersketchen. Unter Ihnen auch der Chef, Regierungsbaumeister a.D. Oskar Röhrig. Dieser würdigt in seiner Rede „die hohen Verdienste der Hohenzollern um Handel und Industrie“ und schließt mit einem jubelnd aufgenommenen „Hoch auf Se[ine]. Majestät Kaiser Wilhelm II.“ Das Fest dauert bis morgens um 6 Uhr. Die Zeitung betont im Nachgang: „Wie wenig der Straßenbahner nach einer schlaflosen Nacht fragt, geht daraus hervor, daß am nächsten Morgen, wie alltäglich, der Betrieb ohne Störung wieder aufgenommen wurde.“
Ein neuer Mann an der Spitze
Oskar Röhrig wurde 1899 Nachfolger von Paul Denninghoff. Röhrig war fast genauso alt wie Denninghoff. Er stammte aus Sudenburg bei Magdeburg und studierte wie sein Vorgänger in Hannover. Aufgewachsen war er in einer Unternehmerfamilie, die im heutigen Sachsen-Anhalt aktiv war. 1898 heiratete er in Berlin Lina Kannewurf.
1899 trat er seine Stelle in Bochum an. Noch im selben Jahr bekamen die Eheleute ihr erstes Kind, dem zwei weitere folgen sollten. In Bochum wohnte die Familie zunächst in der Wittenerstraße, heute Massenbergstraße, danach in der Bismarckstraße, heute Ostring, und der Kaiser-Wilhelm-Straße, heute Kortumstraße. Die Familie wohnte übrigens in allen Fällen zur Miete. Am 1. April 1910 verstarb Oskar Röhrig an einer Lungenentzündung. Er wurde in Wernigerode bestattet.
Haltestellen mit Gaststätte
In seiner Zeit als BOGESTRA-Vorstand wurde das Liniennetz weiter ausgebaut und verdichtet. Die Haltestellen der Straßenbahnen lagen oft an den Gaststätten am Wegesrand. Das war im gegenseitigen Interesse: Die Fahrgäste konnten, insbesondere in den Abendstunden, im Trockenen auf die nächste Bahn warten, und die Straßenbahn sparte sich die Infrastruktur von Wartehäuschen. Dementsprechend wurden die Haltestellen überwiegend nach den Gaststätten oder auch nach öffentlichen Einrichtungen benannt.
Hier einige solcher Haltestellen und ihre heutigen Namen:
- Bahnhof Gelsenkirchen-Wattenscheid > Watermanns Weg
- Wattenscheid Friedenskirche > August-Bebel-Platz
- Gerthe Apotheke > Gerthe Mitte
- Stadion > Römereigasse
- Ausweiche Forsthaus > Erle Forsthaus
- Seier > Wiemelhauser Straße
Stromlieferant wird Eigentümer
1906 wurde die Aktienmehrheit von dem Industriellen Hugo Stinnes erworben. Stinnes wollte die Elektrizitätsversorgung des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerkes (RWE) ausdehnen. Auch die Essener Straßenbahn stand unter seinem Einfluß. Folglich wurde die Verwaltung der BOGESTRA mit der der Essener Straßenbahn zusammengelegt und nach Essen verlegt. Siemens & Halske schieden so aus dem Betriebs- und Pachtvertrag aus, durften aber über Jahre hinaus als technischer Zulieferer aktiv sein.
Nach dem Tod von Oskar Röhrig übernahm sein Essener Kollege Otto Hubrich im Juni 1910 seine Aufgaben und war damit Direktor der Essener und Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahn.
Wem gehören die Gleise
Bei der Verbreitung der Straßenbahn in der Region spielte auch Juristisches eine Rolle. So gab es beispielsweise das „Heimfallrecht“. Es wurde bei den ersten Straßenbahnverträgen zwischen der BOGESTRA und den Gemeinden im Betriebsgebiet vereinbart. Das Heimfallrecht sah vor, dass nach Ablauf der Laufzeit der Verträge die Gemeinden kostenlos in den Besitz von Anlagen und Betriebsmitteln kommen sollten.
Das bedeutete aber auch, je näher der Vertrag ans Ende seiner Laufzeit kam, desto unwirtschaftlicher wurde es für den Betreiber, zu investieren. Das Interesse an einem zweigleisigen Ausbau oder auch an neuen Linien ging gegen Null. 1910/11 verzichteten deshalb die Städte Bochum und Gelsenkirchen auf dieses Recht und schlossen gleichzeitig Verträge mit der BOGESTRA ab, um neue Linien einzurichten.
Die Städte mussten sich verpflichten, etwaige Defizite zu tragen. Dadurch wurden aber auch neue, konkurrierende Straßenbahn-Gesellschaften gegründet, wenn die BOGESTRA die gewünschten Strecken für nicht rentabel hielt und sich deshalb Gemeinden entschieden, in eigener Regie zu bauen und zu betreiben. 1914 wurden Verhandlungen geführt, alle Gesellschaften miteinander zu verschmelzen. Dies führte letztlich zu keinem Ergebnis, insbesondere, weil der Kriegsausbruch alle Verhandlungen unterbrach.
Fotos: Stadtarchiv Bochum










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