„Wie viele Tage wir hier bleiben müssen, weiß nur Gott.“

Zwangsarbeit bei der BOGESTRA

In diesem Jahr feiern wir 130 Jahre BOGESTRA und anlässlich unseres Jubiläumsjahres wollen wir euch in den nächsten zwölf Monaten ein paar mehr historische Einblicke als gewohnt liefern. Freut euch auf Schlaglichter aus 130 Jahren BOGESTRA, die wir zusammen mit unseren Gastautor*innen für euch aufbereiten. Das Thema Zwangsarbeit gehört auch zu unserer Geschichte. Deshalb stellen wir uns diesen Ereignissen und schreiben hier darüber.

Ein Logo mit dem Schriftzug "Wir feiern 130 Jahre BOGESTRA" in Rot- und Blautönen.

Es war die Zeit des Zweiten Weltkriegs und eine Fahrt ins Ungewisse, auf die Marian Mickiewicz im September 1944 ging. In Warschau, seiner Heimat, war der damals 18-Jährige von den deutschen Besatzern zur Arbeit nach Deutschland geschickt worden. Weil dort immer mehr Männer als Soldaten eingezogen wurden, fehlten Arbeitskräfte. Daher kamen Millionen von so genannten „Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen“ insbesondere in Fabriken, Zechen und der Landwirtschaft zum Einsatz. Auch wenn es Einzelne gegeben haben mag, die sich aus eigenem Willen zur Arbeit im „Reich“ gemeldet haben, basierte der Arbeitseinsatz der ausländischen Personen in der Hauptsache auf Zwang und rassistischen Regeln.

Offener Rassismus: „P“ für Pole auf der Kleidung

So berichtet er in seinem Tagebuch, dass „Ausweise“ ausgestellt wurden. Was unter der Bezeichnung „Ausweis“ zu verstehen ist, können wir bei Marian Mickiewicz direkt nachvollziehen, da seine so genannte „Arbeitskarte“ erhalten geblieben ist. Neben einem Foto – ohne Namen, sondern mit einer auf der Arbeitskarte aufgestempelten Nummer – finden sich dort zwei Fingerabdrücke und der Stempelaufdruck „kennzeichnungspflichtig“. In letzterem ist der grundlegende Rassismus des NS-Systems erkennbar, dem Marian Mickiewicz ausgesetzt war. Musste er doch auf seiner Kleidung den großen Stoffbuchstaben „P“ (für Pole) befestigen. Auch war durch die Nazis bewusst festgelegt worden, dass polnische Arbeiter noch weniger Nahrung und Lohn bekommen sollten als nach der NS-Weltanschauung „rassisch hochwertigere“ Arbeiter aus Westeuropa.

Morgen gibt es Brot, für uns Hungernde haben diese Worte solche Bedeutung wie eine Sinfonie für den Musiker.

aus Marian Mickiewicz Tagebuch  (deutsche Übersetzung)

Personalmangel in einem nationalsozialisierten Betrieb

Mit Mangel an Personal musste auch die BOGESTRA umgehen. Als Betrieb, der schnell die politische Linie des Nazi-Regimes verfolgte, unterstützte sie von Anfang an dessen Kriegsanstrengungen. Bereits im Rahmen der allgemeinen Aufrüstung war es nicht möglich, den eigenen Arbeitskräftebedarf zu decken. So wurde die Arbeitszeit schon vor Kriegsbeginn Zug um Zug ausgeweitet. Im Krieg wurde – wie gesagt – zunehmend männliches Personal eingezogen. Wie im 1. Weltkrieg übernahmen dann Frauen Schaffnerinnen-Dienste, später wurden sie auch wieder als Fahrerinnen eingesetzt. Doch das reichte letztendlich nicht aus, sodass die BOGESTRA auch Zwangsarbeiter einsetzte.

Vor allem aufgrund von Kriegszerstörungen gibt es nur ganz wenige Dokumente aus der damaligen Zeit, die uns Informationen geben, zu den Menschen, die damals für Zwangsarbeit bei der BOGESTRA eingesetzt wurden. Viele Details fehlen. Daher ist es gut, dass die noch im Unternehmen existierenden Unterlagen, im Rahmen des in den 1990er/2000er-Jahren entwickelten Engagements der Städte Bochum und Gelsenkirchen sowie weiterer Städte und Kreisen Verbindung zu ehemaligen Zwangsarbeitern aufzunehmen, gesucht und den Kommunen zu Forschungs- und Nachweiszwecken zur Verfügung gestellt.

Wichtige Quelle: Karteikarten der Betriebskrankenkasse

Die wohl wichtigsten dabei gesicherten Materialien waren Karteikarten der damaligen Betriebskrankenkasse zu 111 Männern und Frauen, die in Bochum und Witten eingesetzt waren. Die enthaltenen Daten umfassen den Zeitraum von November 1942 bis Mai 1945. Für die meisten Zwangsarbeite*innen wird als Nationalität „Holländer“ oder „Franzose“ genannt. Einige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen werden auf den Karten als „Weißrussen“ oder „Ostarbeiterinnen“ bezeichnet.

Dass mit dieser Quelle alle bei der BOGESTRA tätigen Zwangsarbeiter*innen dokumentiert sind, ist auszuschließen. Trotzdem können durch diesen Quellenbestand bestimmte Erkenntnisse zur Zwangsarbeit in unserem Unternehmen gezogen werden. So z.B. über die verschiedenen Bereiche, in denen bei der BOGESTRA Zwangsarbeiter*innen eingesetzt wurden. Als Tätigkeiten werden Schlosser, Arbeiter, Hilfsarbeiter, Fahrer, Wagenwäscherin, Schreiner und Anstreicher genannt. Auch lässt sich daran ablesen, wie essenziell Zwangsarbeit zum Ende des Krieges für die BOGESTRA war. So begann die in den Krankenkassen-Unterlagen abzulesende Zwangsarbeit überwiegend in den Jahren 1944 und 1945 statt. Auf fast genau der Hälfte der Karten ist als Eintrittsmonat der Januar 1945 genannt.

Geteilte Erinnerung: Marian Mickiewicz

Die Realität der Ausbeutung im NS-Staat lässt sich ohne Berichte Betroffener aber nicht erfassen. Hier sind wir dankbar, dass der zwischenzeitlich verstorbenen Marian Mickiewicz Anfang der 2000er-Jahre seine Erinnerungen an die Zeit als Zwangsarbeiter bei der BOGESTRA mit uns geteilt hat. So war er zu verschiedenen Anlässen im Ruhrgebiet und hat als Zeitzeuge Einblicke in die damalige Situation als Zwangsarbeiter gegeben.

1925 in Warschau geboren machte Marian Mickiewicz nach dem Besuch der Volksschule eine Lehre zum Maschinenschlosser. Als Dreher war er bis 1944 in einem Warschauer Rüstungsbetrieb tätig. Als die Rote Armee sich Warschau näherte, wurde er nach Westen deportiert.

Eine Baracke als „Zuhause“

Eine mehrtägige Zugfahrt im geschlossenen Güterwaggon führte ihn ins Ruhrgebiet. Dabei wusste er nicht, wo er untergebracht wurde und was für eine Arbeit auf ihn zukommen würde. Aufgrund der zahlreichen Zechen im Revier befürchtete er zuerst, dass er einer Arbeit unter Tage nachgehen sollte. Bei einem kurzen Aufenthalt in einem „Zwischenlager“ in Marl-Sinsen erfuhr er dann, dass er für die „Straßenbahn“ arbeiten sollte. Zusammen mit anderen Arbeitern aus dem Lager in Marl ging es dann per Triebwagen von Sinsen nach Bochum. In Hofstede wurde eine Baracke eines Zwangsarbeiterlagers in unmittelbarer Nähe des Ruhrschnellwegs für die nächsten Monate sein „Zuhause“. Auf einer von der Stadt Bochum bereitgestellten Karte mit den Zwangsarbeiter*innenlager in Bochum ist es mit einem gelben Quadrat eingezeichnet, das sich westlich der Herner Straße, nördlich des Ruhrschnellwegs (damals in diesem Abschnitt Löbkerring genannt) und südlich des Mühlenwegs befindet. Heutzutage ist die Fläche umgeben von einer Autobahnauffahrt.

Mehr als 50 Zwangsarbeiter*innen wurden von seinem Lager aus bei der Ausbesserung von Bombenschäden an Gleisen und Oberleitungen eingesetzt, unter ihnen anfangs auch sein Bruder Henrik. Einige wenige Zwangsarbeiter*innen waren auch in den Werkstätten tätig. Marian Mickiewicz musste mit fünf weiteren Zwangsarbeitern in Bochum-Gerthe in der Werkstatt arbeiten. Seine Ausbildung als Schlosser kam ihm hier zu Gute.

Durch Bochumer Polizeipräsidenten verboten

Um zusammen mit einigen Kollegen vom Lager in Hofstede nach Gerthe zu kommen, nutzen sie immer wieder auch die Straßenbahn. BOGESTRA-Schaffner duldeten das Mitfahren der Zwangsarbeiter, obwohl dies seit Dezember 1943 durch den Bochumer Polizeipräsidenten verboten war.

Über seine deutschen Kollegen in der Werkstatt in Gerthe fand Marian Mickiewicz, wenn er von seinen damaligen Erlebnissen als Zeitzeuge berichtete, meist nur gute Worte. Lediglich der Meister habe sie zu übermäßiger Leistung angetrieben. Die Kollegen, allesamt ältere Männer, die nicht mehr militärdiensttauglich waren, waren so freundlich wie möglich zu ihren Zwangsarbeiterkollegen Vor den wenigen „Parteigenossen“ musste man sich jedoch in Acht nehmen und kein falsches Wort aussprechen.

Nicht nur die Schilderungen während seiner Besuche helfen uns noch heute, einen genaueren Blick auf das Leben als Zwangsarbeiter in Bochum zu bekommen. Dem Stadtarchiv Bochum hat er auch die oben schon angesprochenen Tagebucheinträge zur Verfügung gestellt, die er Ende 1944 und Anfang 1945 gemacht hat. In deren Übersetzung konnten wir für diesen Blogbeitrag Einsicht nehmen. Erfahrbar ist dort eine körperliche und emotionale Ausnahmesituation eines jungen Menschen, der nicht einmal zwanzig Jahre alt war. An einem Sonntag, einem der wenigen freien Tage, schrieb er folgende Gedanken als Momentaufnahme seiner Situation auf: „Das Leben verläuft ganz erträglich, schlimm sieht es mit Bekleidung aus, besonders mit der Unterwäsche. In der Baracke ist es hundekalt, ein Wunder, dass wir nicht krank werden. … Manchmal zweifle ich daran, dass ich das überlebe, es sind aber nur Augenblicke.“

Hunger und ständige Angst vor Luftangriffen

Die Sorge, um seine in Polen zurückgebliebenen Eltern, den später an einen anderen Arbeitsort gebrachten Bruder und der Mangel an Nahrungsmitteln sowie auch die ständige Angst vor Luftangriffen machten ihm – so ist im Tagebuch immer wieder zu lesen - zu schaffen. Im Herbst 1944 waren Luftangriffe an der Tagesordnung. Die Zwangsarbeiter durften den benachbarten öffentlichen Bunker in der Nähe eines Sportplatzes nicht benutzen. Erst nach Beginn eines Angriffs, wenn auch der „Blockwart“, der ihnen zuvor den Zutritt verweigert hatte, selbst im Bunker Zuflucht gesucht hatte, konnten sie manchmal in den Bunker schlüpfen.

Marian Mickiewicz erlebte auch den vernichtenden Angriff vom 4. November 1944 auf Bochum mit, der fast die ganze Innenstadt zerstörte. Auch Baracken im Zwangsarbeiterlager in Hofstede brannten bei Luftangriffen ab, andere wurden beschädigt. Nach dem Angriff zimmerten Marian Mickiewicz und seine Kollegen aus den Überresten der Baracken neue. Es musste weiter zusammengerückt werden.

Menschenverachtende Ideologie bis zum Schluss

Und auch wenige Wochen vor dem Ende des NS-Regimes wurde Mickiewicz und seine polnischen Kameraden das rassistische Wesen der Ideologie deutlich gemacht, was gleichzeitig immer auch lebensbedrohlich sein konnte. So schreibt er im Februar 1945, dass er eine Erklärung unterschreiben musste, keinen Kontakt zu „deutschen Frauen“ zu haben – intime Verbindungen zwischen polnischen und deutschen Menschen wurden nämlich als so genannte „Rassenschande“ bezeichnet und verfolgt.

Wie viele Tage wir hier noch bleiben müssen, weiß nur Gott.

aus Marian Mickiewicz Tagebuch fünf Monate nach Abfahrt aus Warschau (deutsche Übersetzung)

Befreiung durch die Amerikaner

Lebhaft erinnerte Marian Mickiewicz sich in einem Zeitzeugenbericht während eines seiner Besuch an eine Tankstelle an der Kreuzung des Ruhrschnellwegs mit der Herner Straße. Hier in der Nähe war auch die Haltestelle der Straßenbahnlinie 8 Bochum-Herne. Mit ihr konnte er gelegentlich nach Herne zu einem Basar fahren, wo man für nicht gebrauchte Zigarettenmarken andere Güter eintauschen konnte. Marian Mickiewicz damals: „Wir hatten immer Hunger. Ein kleines Brot von drei Pfund musste für fünf Tage reichen, und vor jedem Luftangriff fragte man sich, überlebst du den oder nicht. Also suchte man Gründe, noch ein Stück Brot zu essen, nahm noch ein Stück Brot, man war ja hungrig und wollte wenigstens gesättigt sein. Irgendwann war das Brot dann alle, der Hunger aber noch da. Unser Leben ging von Essen zu Essen.“ Gelegentlich halfen sie Bombengeschädigten und konnten dafür zusätzliche Nahrung erhalten.

Im März 1945 wurden die Zwangsarbeiter zur Rottmannschule umgesiedelt. Die Amerikaner waren im Anmarsch, und die Zwangsarbeiter mussten kurz darauf zu Fuß nach Unna Königsborn marschieren, wo sie Eisenbahnreparaturen machen mussten. Am 11. April 1945 wurde er von amerikanischen Truppen befreit.

Wer Marian Mickiewicz kennenlernen konnte, erlebte einen Menschen, der trotz seiner Erfahrungen als Zwangsarbeiter bereit war, eine positive Beziehung zur BOGESTRA und ihren Mitarbeitenden aufzubauen. Seine Auffassung von gelebter Völkerverständigung wurde auch dadurch unterstrichen, dass er bis zu seinem Tod im Jahr 2006 nicht nur mehrfach Bochum besuchte, sondern sich bei all seinen Besuchen immer als Zeitzeuge von seinen Erlebnissen als Zwangsarbeiter berichtete. Er lud sogar eine Gruppe Auszubildende zu einem Gegenbesuch in seine Heimatstadt ein. Teil der Fahrt der jungen Bogestraner*innen nach Polen war auch ein Besuch der Gedenkstätte des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Auschwitz. Unsere Vergangenheit bleibt uns eine Verpflichtung.

Fotos: BOGESTRA, Stadtarchiv Bochum, BOGESTRA-Fotosammlung, Stadt Bochum

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Wir über uns

Foto Werkstatthalle BOGESTRA-Straßenbahnbetrieb Engelsburg

Rund 2400 Menschen sorgen bei der BOGESTRA an 365 Tagen im Jahr für Mobilität im Herzen des Ruhrgebiets. Mit ca. 400 Fahrzeugen sind wir städteübergreifend unterwegs. Von früh am Morgen bis spät in die Nacht bieten wir attraktive Verbindungen für unsere Fahrgäste und sorgen für den Pulsschlag der Region.

Autor

Christoph

September 15, 2026

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